Klare Worte, öffentlich publiziert
.
.

.
Die Hybris des Hegemonen NZZ
Odyssee ins Paradies Die Zeit
.
.
Neue Zürcher Zeitung 

7. April 2003, 02:08

Die Hybris des Hegemonen

Abschied von der Globalisierung: Der Krieg im Irak markiert eine Zeit­wende

Der britisch-amerikanische Feldzug durch ein Kerngebiet der arabischen Zivilisation markiert eine Zäsur in den Beziehungen zwischen dem Okzi­dent und den nichtwestlichen Kulturen, die seit längerem in Vorbereitung ist. Im scheinbaren Zenit seiner Macht leitet der amerikanische Hegemon, wie vor einem Jahrhundert die Briten, den Anfang vom Ende der von ihm angestrebten Weltordnung ein.

Von Urs Schoettli

Das 19. Jahrhundert war das Säkulum des britischen Imperialismus, das 20. Jahrhun­dert wurde durch die zwei Weltkriege, die in massgeblichem Sinne auch europäische Bürgerkriege waren, zum amerikanischen Zeitalter. Erst wenige Jahre alt, kündigt sich das 21. Jahrhundert bereits machtvoll als das Zeitalter der nichtwestlichen Zivilisatio­nen an. Die dramatischen Ereignisse der letzten Wochen scheinen den Kassandren Recht zu geben, die schon seit längerem vor einem Krieg der Kulturen warnen. Gerade in düsteren Zeiten gilt es jedoch, die Option einer lichteren Zukunft nicht aus den Augen zu verlieren. Nur wer dem Fehler verfällt, das Abendland als den Hort aller Kultur, aller Zivilisation, ja aller Menschlichkeit zu sehen, wird sich vor dem neuen Zeitalter fürchten müssen. Gelingt es dem Okzident, von seiner über ein Vierteljahrtausend gehegten Überheblichkeit gegenüber nichtwestlichen Kulturen auf friedlichem Wege zu einer ernsthaften Anerkennung der Gleichberechtigung aller Kulturen zu gelangen, so kann es zu einer wechselseitig fruchtbaren Koexistenz kommen, wie sie die Welt seit dem An­bruch des europäischen Kolonialismus nicht gekannt hat. Zuversichtlich muss stimmen, dass alle grossen nichtwestlichen Zivilisationen in ihrer Geschichte ihre Fähigkeit, den Okzident zu respektieren und mit ihm zusammenzuleben, sofern er sich weder als Kon­quistador noch als Kreuzritter gebärdet, unter Beweis gestellt haben.

Der Abschied vom Sahib
Als 1911 zum ersten und einzigen Mal mit George V ein King Emperor Indien, das Juwel des britischen Empire, besuchte und beim grossen Durbar in Delhi die Huldigung der versammelten Fürstenschaft des Subkontinents entgegennahm, schien die Zukunft des Weltreiches, in dessen Grenzen die Sonne nie unterging, auf alle Zeiten gesichert. Weni­ger als vier Jahrzehnte später sollte der Kampf gegen den British Raj, der massgeblich von einem schmächtigen Advokaten namens Mohandas Karamchand Gandhi, den Churchill als halb nackten Fakir abqualifiziert hatte, geführt wurde, in der Unabhängig­keit Indiens kulminieren. Der Wurm hatte sich schon seit einiger Zeit im Innersten ei­ner Weltmacht festgesetzt, die sich von der Weltgeschichte dafür auserkoren hielt, das Schicksal von über einem Drittel der Menschheit zu bestimmen. Begonnen hatte es 1857 mit dem, was in britischer Version als «mutiny», Meuterei, bezeichnet wurde und was aus indischer Sicht der erste Unabhängigkeitskrieg war, und 1885 mit dem Tode Gor­dons bei der Belagerung von Khartum.

Seine monumentale, 1865 erschienene «Comprehensive History of India» beschliesst Henry Beveridge mit folgendem Ausblick: «Sollte dereinst der Tag kommen, dass In­dien, als Folge der Entwicklung seiner Ressourcen durch britisches Kapital und als Folge der Erziehung seiner Menschen durch britische Philanthropie, seinen Platz wieder unter den Nationen als unabhängiger Staat einnehmen kann, dann lässt sich nicht mehr und nicht weniger feststellen, als dass die friedliche Beendung unseres indischen Impe­riums unserem Land mehr Ruhm einbringen wird als jedes andere historische Ereig­nis.» Unverkennbar spiegelt sich in diesem Satz die Idee vom Empire als der «Bürde des weissen Mannes» wider. Weit über Beveridge hinaus bis in unsere Tage hinein hat sich dieses missionarische Selbstverständnis des weissen Sahib, in der nichtwestlichen Welt zum Rechten zu sehen, zu halten vermocht - von der Strafexpedition gegen die Boxer in China über die Harvardprofessoren, die 1997/98 während der Asienkrise den Thailän­dern, den Indonesiern und den Malaysiern die richtige Wirtschaftspolitik zu verordnen suchten, bis zu den heutigen selbsternannten Architekten einer völligen Neuordnung des Mittleren Ostens. Dabei schwang und schwingt auch weiterhin im Hinterkopf die Vorstellung vom selbstlosen und edlen weissen Ritter mit, der den rückständigen brau­nen, gelben und schwarzen Völkern nichts anderes als das verdiente Glück bescheren will.

Das britische Empire hatte seinen Ursprung in einem privaten Unternehmen, der East India Company. Es hatte mit kleinen Aussenposten, den sogenannten «factories», be­gonnen. Doch von Anfang an war der «Union Jack» mit dabei, und es sollte nur kurze Zeit dauern, bis der friedliche Austausch von Gütern um die gewaltsame Unterwerfung von Land und Leuten erweitert wurde. Auf den Schlachtfeldern Bengalens stieg Robert Clive zum «orientalischen Napoleon» auf. Europäische Rivalitäten drangen nach Asien vor, wo die Holländer bereits die Portugiesen marginalisiert hatten und ihrerseits von den Briten, die schliesslich mit den Franzosen ins Gehege gerieten, aus Indien vertrie­ben wurden. Der masslose Hunger nach stets mehr Kolonien markierte im 19. Jahrhun­dert die nahezu vollständige Aufteilung Afrikas unter den europäischen Imperialisten. Selbst eine zweitklassige nationalstaatliche Spätgeburt wie Belgien erhielt noch ihren Beuteanteil auf dem Schwarzen Kontinent. Als die weissen Mächte gegen Ende des 19. Jahrhunderts China ins Visier nahmen, hegten sie für das Reich der Mitte ähnliche Pläne, wie sie bereits in Afrika in die machtpolitische Realität umgesetzt worden waren. Wie tief das koloniale Denken und die imperialistische Arroganz sich verankert hatten, liess sich noch 1945 feststellen, als die Holländer, die in Asien eines der brutalsten Aus­beuterregime geführt hatten, nach der Vertreibung der Japaner aus Indonesien durch die Amerikaner es als selbstverständlich ansahen, sogleich wieder als Kolonialherren eingesetzt zu werden.

Von der Conquista in Mexiko und Peru über die Feldzüge nach Afghanistan und in den Sudan bis zur Eroberung des indonesischen Inselreichs und zu den Opiumkriegen in China, die Vorstösse der europäischen Kolonialmächte in alle Ecken und Enden der Welt zeichneten sich durch eine merkwürdige Kombination von Motiven und Rechtfer­tigungen aus. Auf der einen Seite mussten die eigenen Besitzungen und Verflechtungen aus Sicherheitsgründen stets weiter ausgeweitet werden. Das russisch-britische «great game» um Afghanistan ist ein klassisches Beispiel. Auf der andern Seite ging es darum, den «natives» die Errungenschaften der modernen Zivilisation zu bringen und sie aus der Tyrannei von barbarischen Herrschern und rückständigen Bräuchen zu befreien. Von zentraler Bedeutung war für die numerisch stets stark unterlegenen weissen Impe­rialisten die Taktik des «Teile und herrsche». In Indonesien banden die Holländer die chinesische Diaspora an sich, indem sie ihr gegenüber der einheimischen Bevölkerung wichtige materielle Privilegien verliehen. Besonders talentierte Meister des «divide et impera» waren die Briten. Die Welt leidet vom Mittleren Osten über den indischen Sub­kontinent bis nach Sri Lanka noch heute unter diesem Erbe.

Das Ende einer Weltordnung
Wie immer Washingtons geopolitische Ziele von den Politikern und Generälen be­schrieben werden, als Krieg gegen den Terrorismus, als Feldzug gegen Tyrannen oder als präventive Warnung an die Exponenten der «Achse des Bösen», Tatsache ist, dass die USA seit dem Ende der Supermachtrivalität mit unterschiedlichen Strategien und einer breiten Palette von Instrumenten, die von der Wirtschaft über die Medien bis zur Diplomatie und Militärmacht reichen, an der Konsolidierung einer Pax Americana ar­beiten. Es ist dieses Verhalten in der Geschichte nichts Neues und auch nichts spezifisch Amerikanisches. Jeder Hegemon strebt danach, die Welt nach seinen Vorstellungen und zu seinen Gunsten zu gestalten. Krieg gehört zwangsläufig zum Aufbau und zur Veran­kerung einer Weltordnung, Aufruhr und Chaos begleiten ebenso zwangsläufig ihren Niedergang. Gerade im Augenblick, da ein Hegemon auf dem Höhepunkt seiner Macht zu sein scheint, gilt es, darüber nachzudenken, wie der Niedergang verlaufen kann und was getan werden kann, um den Übergang zu einer neuen Weltordnung möglichst ge­waltlos zu gestalten.

Woran wird die Pax Americana scheitern? Zwei Faktoren, die aus dem Untergang von früheren unilateralen Weltordnungen bekannt sind, stehen im Vordergrund: die Mass­losigkeit des Machthungers und die unendliche Komplexität der Welt. Das Argument, dass eine so hoch entwickelte Gesellschaft wie die amerikanische eigentlich die Fähig­keit haben sollte, aus den offenkundigen Fehlern zu lernen, die den Sturz früherer Weltmächte verursachten, zielt an der wahren Natur des Sachverhalts vorbei. Das Stre­ben nach Allmacht, nach Hegemonie hat eine Eigengesetzlichkeit, die sich dem ver­nünftigsten Planen entzieht. Es gleicht einem krebsartigen Geschwür, das sich auf ei­nem Organismus ausbreitet und letztlich mit dessen Absterben selbst dem Untergang geweiht ist. Immer neue, echte oder eingebildete Sicherheitsbedürfnisse kommen hinzu, die es nötig werden lassen, über das bereits Erreichte, das bereits Eroberte hinauszu­greifen. Indien war gross genug, doch der British Raj strebte nach Afghanistan, Burma und Tibet, stets im Bestreben, für seine Besitzungen ein Glacis der militärischen Sicher­heit zu schaffen.

In einer Welt, deren begrenzte Ressourcen von einer unablässig wachsenden Milliar­denbevölkerung beansprucht werden, kann auch die grösste Supermacht ihren Willen nicht mehr allein und vor allem nicht auf globaler Ebene durchsetzen. Die militärische, ökonomische und politische Logistik eines solchen Vorhabens müsste zwangsläufig in der völligen Überforderung enden. Wie dies abläuft, davon hat die Welt im Gefolge des Terrorangriffs vom 11. September 2001 einen Vorgeschmack bekommen. Die Solidarität und die Sympathie gegenüber den USA waren nach den feigen Attacken auf New York und Washington beispiellos. Es waren dies nicht nur flüchtige Emotionen, es stand da­hinter auch viel Bewunderung für die amerikanischen Werte, die nun so offensichtlich durch die Emissäre des schlechthin Bösen bedroht wurden. Insbesondere in einer Welt, die seit dem Verschwinden der Sowjetunion vom Duopol der Abschreckung befreit war, war es die sogenannte «soft power», die Freiheit und Mobilität, der amerikanischen Ge­sellschaft, welche die Menschen in Amerikas Bann zog. All dies hat sich innert einein­halb Jahren ins Gegenteil verkehrt. Der Hegemon hat auf die «hard power», im Ausland auf die Militärmacht, im Innern auf die Polizeimacht, gesetzt und ist damit in die Falle getappt, welche al-Kaida zum Zwecke der «Demaskierung des US-Imperialismus» ge­stellt hatte.

Mit der Hegemonie der USA wird endgültig die rund zweihundertjährige Vormacht des Okzidents zu ihrem Ende kommen. Es lässt sich keine andere westliche Macht ausma­chen, die dereinst in Washingtons Fussstapfen treten könnte. Der offene Bruch zwi­schen den westlichen Alliierten in der Frage des Kriegs im Irak sollte auch nicht zur An­nahme verführen, dass Kriegsgegner wie Frankreich und Deutschland bei der Entwick­lung einer neuen internationalen Ordnung auf einen Sympathiebonus in der nichtwest­lichen Welt werden zählen können. Insbesondere Paris dürfte sich durch seine Kriegs­gegnerschaft bloss rasch vergänglichen Beifall geholt haben. Seine interventionistische Politik in Afrika, wo es sich gerne als Hegemon im Taschenformat aufführt, nährt ein weit verbreitetes Misstrauen über die wahren Absichten der französischen Aussenpoli­tik.

Dem Irak-Krieg zum Opfer gefallen sind die aussenpolitische Kompetenz und das inter­nationale Ansehen der Europäischen Union. Die EU hätte eigentlich die Voraussetzung, dank ihrer inneren Vielfalt eine Alternative zum klassischen nationalstaatlichen Hege­monen zu sein. Sie hat diese Chance verpasst, indem es ihr nicht gelungen ist, eine ge­meinsame Aussen- und Sicherheitspolitik zu entwickeln. In den Kapitalen Asiens ist seit der europäischen Zerstrittenheit über den Irak-Krieg der Gesichts- und Ansehensverlust der EU enorm. Auch angesichts der durch die Neubeitritte noch gewachsenen Komple­xität der Organisation rechnet niemand mehr damit, dass die EU in absehbarer Zukunft auf der internationalen Bühne ein ernst zu nehmender Akteur sein können wird.

Auch wenn in den kommenden Monaten und Jahren intensiv daran gearbeitet werden wird, den durch den Irak-Krieg an den bestehenden internationalen Institutionen ange­richteten Schaden zu beheben, so kann es kaum Zweifel geben, dass ein Kollateralscha­den der amerikanischen Hegemonie die seit dem Zweiten Weltkrieg aufgebaute inter­nationale Ordnung betreffen wird. Im neuen Jahrhundert der nichtwestlichen Zivilisa­tionen werden die Institutionen, die unter dem massgeblichen Einfluss des Okzidents aufgebaut worden sind, von Grund auf überholt oder gar durch völlig neue ersetzt wer­den müssen. Es geht dabei zunächst um die Machtstrukturen innerhalb der Vereinten Nationen. Mehr denn je ist in Frage zu stellen, weshalb vier der fünf permanenten Si­cherheitsratsmitglieder weisse Nationen sein sollen. Insbesondere im Falle Grossbri­tanniens und Frankreichs, Ländern von europäischem Mittelmass, geht es schlicht um die Verhältnismässigkeit, wenn man bedenkt, dass aussereuropäische Regionalmächte wie Indien, Japan und Brasilien mit dem Katzentisch vorlieb nehmen müssen. Proble­matisiert werden muss aber auch die Zusammensetzung der G-8, ebenfalls ein Organ, in welchem, von Japan abgesehen, alle Mitglieder der weissen Welt angehören. Vor dem Hintergrund des dramatischen wirtschaftlichen Strukturwandels, der in den letzten zwei Jahrzehnten in China und Indien realisiert worden ist, muss man sich fragen, nach wel­chen Kriterien die in der globalen Wirtschaft in die Zweitrangigkeit abgestiegenen Län­der Kanada, Italien, Grossbritannien und Frankreich sich zur Crème de la Crème der Wirtschaftsmächte zählen können.

Rückkehr des Nationalstaats
Zum Kollateralschaden des Feldzugs durch Mesopotamien gehört auch der bereits zuvor angeschlagen gewesene Globalisierungsprozess. Diese ziemlich ahistorische und höchstwahrscheinlich sehr kurzlebige Entwicklung hatte voll und ganz auf dem Primat der Wirtschaft aufgebaut und auf die fortschreitende Marginalisierung des National­staates gesetzt. Nun hat der Hegemon, dessen Schoss die entscheidend von der ameri­kanischen Unternehmenswelt geprägte Globalisierung entsprungen war, der Welt zu Luft, Land und Wasser demonstriert, dass für ihn wieder die Politik, insbesondere die Sicherheitspolitik, die absolute Priorität hat. Der Krieg gegen den Terrorismus und die damit einhergehende fortlaufende Expansion der amerikanischen Sicherheitsinteressen, zu denen auch der Kampf gegen Saddam und weitere Tyrannen gehört, nimmt vor allem auf kurzfristige Wirtschaftsinteressen keine Rücksicht. Es ist wohl kein Zufall, dass die neue Politik des präventiven Erstschlags nicht nur zum Zeitpunkt kommt, da die USA mit keiner anderen Militärmacht mehr zu rechnen haben, sondern auch zum Zeitpunkt, da nach Enron und anderen Skandalen die Manager in der amerikanischen Öffentlich­keit diskreditiert sind und kein Wirtschaftsführer sich getraut, die wirtschaftliche Ver­nunft des Feldzuges in Mesopotamien zu hinterfragen.

Wenn der Hegemon selbst, dessen Hätschelkind die Globalisierung einst war, den ab­soluten Primat der Politik und der nationalstaatlichen Interessenwahrung praktiziert, so wird sich diese Haltung wie ein Lauffeuer durch die Welt ausbreiten. Zunächst wird man dies vor allem im Mittleren Osten und in der islamischen Welt sehen. Weitere Herde eines neuen nationalen Selbstbewusstseins werden folgen, vor allem auch in Ost­asien, wo Japan und China ohnehin nie wirklich vom jahrtausendealten Selbstverständ­nis der kulturellen Einzigartigkeit Abschied genommen haben. Möglicherweise wird Eu­ropa, so es ein Mindestmass an Konsens innerhalb der EU zu bewahren vermag, dieser neuen Welle des nationalstaatlichen Partikularismus entgehen können, auch wenn der­zeit nicht abzusehen ist, wie sich die auch in der Öffentlichkeit spürbaren national ge­prägten Vorurteile und Ressentiments so rasch beheben lassen werden. Das 21. Jahr­hundert hat mit dem amerikanisch-britischen Einmarsch im Irak die Wiedergeburt des Primats des Nationalstaates erlebt. Es ist auch diese Rückkehr zum nationalstaatlichen Denken, welche den Anbruch des nichtwestlichen Zeitalters vorantreiben wird. Wo die Nation wieder im Zentrum steht, da müssen individuelle Ansprüche auf Komfort und Bequemlichkeit hintanstehen, und es scheint zumindest wahrscheinlich, dass ein durch lange Jahrzehnte des Wohlstands verweichlichter Okzident diese Umpolung nicht so ef­fizient wird meistern können wie nichtwestliche Zivilisationen, die erst an der Schwelle zur Wohlstandsgesellschaft stehen oder die, wie im Falle Japans, schon immer die Spar­samkeit hochgehalten haben.

Urs Schoettli ist NZZ-Korrespondent in Peking und Tokio

. .

Flüchtlinge Odyssee ins Paradies

Afrikaner fliehen nach Europa: Eine junge Frau verlässt Nigeria, wandert wochenlang durch die Sahara, steigt in das Schlauchboot eines Schleusers und setzt nach Spanien über. Die Geschichte einer qualvollen Reise

Bei Migration mögen wir zwar den Eindruck haben, dass sie mit Verlust und Selbstverleugnung verbunden ist. Doch Migration ist etwas ausgesprochen Heroisches: Man nimmt sein Schicksal in die eigene Hand.
Eyal Sivan, israelischer Filmregisseur

Sie solle sich bereithalten, hat Bright ihr gesagt, es gehe bald los. Sobald sich der Wind legt. Sobald er die Soldaten bestochen hat, sobald neue Schlauchboote da sind. Morgen, nächste Woche, spätestens übernächste.

Da hat Pat gepackt. Eine Liste mit Telefonnummern, eine frische Bluse, Unterwäsche, eine Hose und einen 20-Euro-Schein, alles in eine Plastiktüte und braunes Klebeband darum, gegen das Wasser. Das Päckchen liegt jetzt auf ihrem Bett, neben ihrer Bibel und ihrem Mobiltelefon, in einer kleinen Pension in der Altstadt von Tanger. Oft, wenn sie ihr Bündel anschaut, dann kribbelt es in ihrem Bauch vor lauter Freude. Patricia Omorigie (Name geändert) aus Nigeria möchte nach Deutschland; im Juli setzte sie nach Spanien über.

Natürlich fürchtet sie sich vor dem Wasser. Sie kann nicht schwimmen. Sie kennt viele, die ertrunken sind. Aber sie kann nur diese Route bezahlen, die Fahrt über die Straße von Gibraltar. Und sie will endlich ankommen in Europa, sie will zu ihrem Bruder nach Stuttgart. Seit zwei Jahren ist Pat unterwegs. „Mein Leben liegt in Gottes Hand“, sagt sie.

Morgens kniet sie vor ihrem Bett und betet, zusammen mit Charles, ihrem Freund. Sie kommt aus einer ehrbaren Familie, ihr Großvater war Richter, doch jetzt ist sie umgeben von Kriminellen, Mördern, Erpressern, Mädchenhändlern. Pat ist auf diese Typen angewiesen, aber sie verachtet sie. Sie betet.

Die Odyssee von Patricia Omorigie, 27 Jahre alt, begann im Januar 2001. Zweimal wurde sie verraten, einmal ist sie fast verdurstet, sie wurde festgenommen, sie hat sich den Fuß gebrochen. „This road is bloody“, sagt Pat, diese Route ist durchtränkt mit Blut.

Sie kennt Nigerianer, die von anderen Nigerianern gefoltert wurden, weil sie ihre Schulden nicht bezahlen konnten. Eine ihrer Freundinnen wurde vor einem halben Jahr entführt, 7000 Euro sollen ihre Eltern für sie zahlen.

Pat sagt: „Früher war ich entspannter. Freier. Früher musste ich mir nie Sorgen darüber machen, wo ich schlafe oder was ich esse. Früher haben Charles und ich uns nie gestritten. Jetzt streiten wir uns oft. Dieses Leben in Marokko ist kein Leben.“

Pat hat kurze Haare, in die sie Kunsthaare flicht, mal lange, schwarze, gewellte, dann kurze, glatte, bronzefarbene. In Lagos besaß sie ein Friseurgeschäft, es ähnelte aber mehr einer Bretterbude, in einer langen Reihe von anderen Friseurbretterbuden. Sie ist das fünfte von neun Kindern eines Lehrers und einer Gemüsehändlerin, sie ging nur zwei Jahre zur Schule, dann starb ihr Vater, und ihre Mutter hatte einen Unfall, sie musste im Haushalt helfen. Pat lacht viel, dann sieht man eine Zahnlücke. Sie ist groß und rundlich, sie sagt: „Wenn ich nach Europa komme, möchte ich abnehmen.“

Manchmal denkt Pat, dass sie einen Fehler gemacht hat. Dass sie nicht hier sein sollte. Dann sehnt sie sich zurück nach Lagos, in ihren Laden, zu ihrer Familie, in die chaotische Ereignislosigkeit ihres Alltags.

Doch nicht lange, und sie erliegt wieder dem Sog, der von Europa ausgeht. Sie hat ein Ideal: Sie will eine gute Tochter sein. Sie will einmal für ihre Mutter sorgen. Als ein Niemand ist sie aufgebrochen, sie würde es sich nicht verzeihen, mit leeren Händen umzukehren. Sie weiß, wie viele es vor ihr geschafft haben, alle daheim wissen das. „Würde ich abgeschoben, ich würde es auf jeden Fall noch einmal versuchen“, meint Pat.

Sie soll sich bereithalten, hat Bright gesagt. Ihm hat sie die 1000 Euro gegeben, die kürzlich ihr Onkel aus New York geschickt hat. Bright ist einer der patrons von Tanger, die Nigerianer sagen auch: ein connection-man. Einer der Herren, die über die illegale Route wachen. Mit Frauen handelt er, vielleicht auch mit Drogen, vor allem aber mit nächtlichen Schlauchbootfahrten übers Meer.

Bright hat ihr einmal geholfen, als sie kein Geld hatte, darum hat Pat sich für ihn entschieden. Mehr als ein Dutzend nigerianischer patrons gibt es in Tanger. Pedro heißt der wichtigste, Sato hat angeblich noch nie ein Boot verloren, Utchi hingegen mehrere, zuletzt im Februar, eines mit 40 Erwachsenen und 4 Kindern an Bord. Ehe sie ertranken, sendeten die Passagiere Notrufe mit ihren Handys, riefen an in Tanger und jammerten, dass sie beschossen würden. Die Gerüchte blühen, aber niemand weiß, was wirklich geschehen ist in jener Nacht.

Verliert ein patron ein Boot, ist das ein herber Verlust, vor allem finanziell. Allein jede der künftigen Prostituierten an Bord ist mindestens 5000 Euro wert. Aber die Chancen sinken, dass die Mädchen Europa erreichen. Immer strenger wird die Meerenge überwacht, immer öfter nimmt Spanien die Migranten gleich vom Strand weg in Abschiebehaft. Die Route über Tanger wird langsam unrentabel.

Seit 15 Jahren legen dort nachts die Boote ab. Im November 1988 sank das erste, 23 Personen starben. Seither sind rund 4000 Menschen in der Meerenge ertrunken, so jedenfalls lautet die offizielle Zahl, es könnten auch doppelt so viele sein. Etliche zehntausend wurden von Spanien abgeschoben, vor allem Marokkaner, viele hunderttausend haben es geschafft und leben heute in Europa.

Anfangs war es eine marokkanische Mafia, die Schwarze aus ganz Afrika in wackeligen Holzbooten transportierte. Mit der Zeit übernahmen Nigerianer einen Großteil des Geschäfts, man stieg um auf riesige schwarze Schlauchboote, für 40, 50 Passagiere. Migranten aus Ghana, dem Senegal oder Kamerun sah man immer seltener in Tanger. Sie wichen aus auf andere Routen. Über Tarfaya auf die Kanarischen Inseln, von Tunis nach Lampedusa.

Dafür kamen immer mehr Nigerianer: Victor, ein Autoschlosser, dessen Werkstatt schlecht lief; Vincent, der fünf Jahre studierte, keinen Job fand und nun nach „grüneren Weiden“ sucht; Steven, der das Auto seines Vaters verkaufte, um die Reise zu bezahlen; Stanley, ein Soldat, der desertierte; Efosa, der nicht weiterkam als Kunstschnitzer; Liliane, die es zum zweiten Mal versucht, obwohl sie in Aachen ein halbes Jahr im Abschiebeknast saß; Osas, der beweisen will, dass er ein Mann ist; Matthew, der Dealer war und wieder Dealer werden will; Godfrey, der Autofahrer überfiel und floh, als die Polizei seine halbe Gang erschoss; Osatu, die von zu Hause ausgerissen ist; Derek, ein Ingenieur mit höflichen Manieren. Sie alle kommen aus Nigeria. Sie alle stammen aus der gleichen Gegend. Aus Edo-State, aus dem Süden des Landes, aus Benin City und Umgebung. Pat kommt daher, Charles auch, genau wie Bright, ihr patron.

Noch immer glauben viele, dass es vor allem Armut ist, die Menschen aus ihrer Heimat fortziehen lässt. Doch Migration hat viele Gründe, und Armut ist nicht der wichtigste. Entscheidend sind Netzwerke, Informationen, Kontakte. Kein Mensch zieht einfach los ins Blaue, es zieht ihn dorthin, wo Nachbarn, Freunde, Geschwister von ihm hingegangen sind. Migranten suchen Sicherheit. Und meist sind es die relativ Bessergestellten, die sich entschließen auszuwandern. Sicher sind Arme an Bord der Schlauchboote, aber auch viele andere: Ehrgeizige und Abenteurer, Skrupellose und Listige, junge Handwerker und arbeitslose Akademiker.

„In Benin City gibt es keine Straße, aus der nicht jemand kommt, der jetzt upstairs ist“, sagt Pat. Upstairs. Oben. In Europa.

***

Es ist April, es ist Samstagmorgen. Pat kocht, in einer kleinen Nische neben der Dachterrasse, sie summt ein Lied. Sie gießt Öl in einen verbeulten Aluminiumtopf, schneidet Zwiebeln und Tomaten hinein, gibt Erbsen, Tomatenmark, Knochen, Innereien und viel Pfeffer dazu und lässt das Ganze köcheln. Später wird sie es mit einer Art Kartoffelbrei aus Maismehl servieren. Banku heißt das Gericht. Das isst sie täglich, genau wie all die anderen. Eine Portion mittags, eine abends. Wer länger in Marokko war, hasst dieses Essen. Das Lied, das Pat summt, handelt davon. Es ist die Hymne der Auswanderer.

„On my way to Calamocarro, in the last assembly, we were singing: No more banku, no more salem aleikum, on my way to España Victoria hehehe, Victoria he, Victoria hehehe, Victoria he.“

Auf meinem Weg nach Calamocarro… So hieß das Aufnahmelager in der spanischen Enklave Ceuta, die jetzt von der EU mit einem 150 Millionen Euro teuren Zaun gegen Einwanderer abgedichtet ist. Salem-aleikum-Machen, das heißt: vor den Moscheen betteln, den verhassten Muslimen die leere Hand entgegenstrecken, um sich ein, zwei Euro für das Abendessen zu verdienen. Nie wieder Banku, nie wieder betteln. Auf dem Weg nach Spanien, Ankunft und Sieg. Wenn es so einfach wäre.

Wenn Pat sich umdreht in ihrer Kochnische, kann sie Europa sehen. An manchen Tagen verschwimmt die Küste wie ein Phantasma, doch heute wirkt sie schmerzhaft nah. Als könnte man hinüberspucken, hinüberspringen, hinschwimmen. Man kann ein Dorf erkennen und einen Leuchtturm.

Die Pension heißt Amar, sie gilt als sicher, denn sie gehört einem hohen Beamten, seit langem gab es keine Razzia. Darum treffen sich auf der Dachterrasse manchmal die patrons. An diesem Morgen ist Bright gekommen. Er steht im Schatten, er redet nicht viel, er schüttelt keine Hände, er geht nicht selbst ans Handy, er schreit nicht. Das alles macht ein kleiner, aufgeregter Kerl mit Goldrandbrille für ihn.

Bright kann nicht zurück nach Benin City, die Verwandten der im Meer Ertrunkenen wären ihm auf den Fersen. Er trägt ein frisches Hemd und eine Lederjacke, sein Bart ist sorgfältig gestutzt. Er sieht nicht vulgär aus, er ist stolz, er ist vorsichtig, er würde nie mit einem Weißen reden.

Einige der Mädchen, die auf der Dachterrasse Wäsche aufhängen, gehören ihm, bald wird er sie weiterverkaufen. Sie sind jung, sie sind schön, sie sind sehr schüchtern, sie werden in Europa als Prostituierte arbeiten. Sie haben Verträge unterschrieben, die sie verpflichten, 20000 oder sogar 50000 Euro zu zahlen, an ihren späteren Besitzer in Europa.

Die Mädchen wissen, was sie erwartet. Sollten sie eines Tages ihren Schuldendienst einstellen, man würde ihre Familie terrorisieren oder ihr Blut, ihre Schamhaare und ihre Fotos zu einem Voodoo-Zauberer bringen; die Mädchen fürchten sich davor. Vielleicht haben sie schon vorher als Prostituierte gearbeitet, vielleicht haben ihre Eltern sie verkauft. Vielleicht träumen sie vom schnellen Reichtum, vielleicht sind sie auf dem Weg nach Norden in die Abhängigkeit eines patron geraten, als ihnen das Geld ausging. Jetzt werden sie gehandelt wie eine Ware. „Sie kommen aus armen Familien“, sagt Pat, „man merkt es daran, wie sie reden.“

Pat lebt seit Monaten mit ihnen zusammen, aber ihre Geschichten kennt sie nicht. Sie würde auch niemals danach fragen. Gewiss, man hilft sich, man hält zusammen gegen die Marokkaner, man teilt das Essen mit denen, die gerade kein Geld haben. Aber keiner gibt etwas von sich preis.

Unten, in den gekachelten Zimmern der Pension, flechten die Mädchen einander die Haare. Ein Mann liest den ganzen Tag in der Bibel, ein junger Pastor spielt Karten mit seinen Zimmernachbarn, irgendwo schreien sich zwei an, dann wird die Musikkassette gewechselt, von Tupac Shakur zu Bob Marley, von Bob Marley zu Tupac Shakur. Alle hier haben ein Handy. Alle warten. Auf einen Anruf, auf frisches Geld, auf Windstille.

Pat sitzt auf ihrem Bett. Mit der Zeit hat sich ihr Zimmer in eine Art Krämerladen verwandelt. Sie verkauft Weißwein, Bier und Zigaretten, Haschisch, Fischpasteten und Banku. Pat notiert jeden Umsatz in ein Schulheft, kürzlich hat sie ihrer Mutter 50 Euro geschickt. Am meisten verdient sie an zwei Cremes, an Civil Clear und TCB. Die erste soll schwarze Haut heller machen, die zweite krauses Haar glatter. Wer kann, leistet sich diese Cremes. Wer kann, macht sich ein wenig weißer.

Abends gibt einer der Männer ein Konzert. Wüstensongs singt er, Lieder von den Jeeps und Lastwagen, auf denen die Schwarzen die Sahara durchqueren, Lieder gegen die Geister, die Hitze und den Durst. Nicht lange, da tanzt ein halbes Dutzend Frauen zwischen den Betten, andere trommeln auf Bierbüchsen oder singen im Chor. Pat wirkt glücklich an diesem Abend. Neben ihr sitzt Charles. Beide strahlen. Noch haben sie es keinem erzählt. Pat ist schwanger geworden in diesen Tagen

***

Im Grunde begann ihre Reise an jenem heißen Tag, an dem sie sich frühmorgens vor dem deutschen Konsulat in Lagos anstellte, die Einladung ihres Bruders in der Hand – und ihr Gesuch um ein Visum abgewiesen wurde. Bald fand ihr Bruder einen anderen Weg, sie nach Deutschland zu holen: Pat sollte mit einem gefälschten Visum von der Elfenbeinküste nach London fliegen. Am 4. Januar 2001 bestieg sie den Bus in Nigeria, ihre Mutter weinte beim Abschied, aber Pat machte sich keine Sorgen. Ihre Reise würde kurz und sicher sein.

 
In der Elfenbeinküste angekommen, verschwand der Mann, den sie bezahlt hatte. Pat saß fest in Abidjan, ohne Geld, ohne Visum. Aber sie blieb, sie wollte weiter. So lernte sie Charles kennen. Er war vom selben Schlepper betrogen worden. Charles hat die Statur eines Boxers und ein großes Herz. Sie wurden ein Paar.

4000 Euro hatte Pat verloren. Es gab nur eine Möglichkeit – sie und Charles mussten den gefährlichen Landweg nehmen. Von Mali nach Marokko, quer durch die algerische Sahara. Zwei Jeeps, 40 Passagiere, nachts fahren, tagsüber ein Versteck suchen, vor der Sonne und den Helikoptern. Eines Morgens fuhren die Jeeps davon, als es Abend wurde, kamen sie nicht wieder. Die Reisenden saßen fest, mitten im Nichts, verloren im Erg Chech.

Zu acht sind sie dann losgelaufen, nachts, auf einen fernen Lichtschein zu. Sie fanden leere Kanister, stießen auf eine Viehtränke, trafen Reisende, die ihnen Brot gaben. 20 Nächte sind sie gewandert, Pat hatte blutige Füße, Charles stützte sie, so erreichten sie schließlich Reggane, ein Dorf im hintersten Winkel Algeriens.

Pat könnte vom Durst reden. Von ihrer harten Kehle, von ihrer geschwollenen Zunge, vom ekligen Geschmack im Mund, vom rasselnden Husten. Aber so spricht sie nicht. Sie sagt schlicht: „Das war das Schlimmste, was ich je erlebt habe. Ich dachte, ich muss sterben.“

„Eines Tages werden wir unseren Kindern erzählen, was wir alles durchgemacht haben“, sagt Charles.

Die Reise ging weiter. Die Grenze nach Marokko überquerten sie zu Fuß, bis Tanger wurden sie in Lastwagen gebracht. Pat hätte ein Schlauchboot nehmen können, aber ihr Bruder in Deutschland hatte Probleme, der Geldfluss versiegte, wieder saß Pat fest. Zu stolz, um umzukehren, vorerst ohne jede Chance, weiterzureisen.

Ein halbes Jahr war Pat in Tanger, da wurde sie verhaftet. Lange Jahre hat Marokko die Afrikaner einfach durchziehen lassen, doch auf Bitten, Drängen und Drohen der EU wirkt auch die Regierung in Rabat inzwischen mit bei der Verteidigung der Festung Europa. Aber wie planlos, wie dilettantisch! Auf Straßen, in Wäldern und Pensionen fangen die Gendarmen die Schwarzen und bringen sie zurück an die algerische Grenze, die seit Jahren geschlossen ist. Im Niemandsland zwischen Oujdah und Maghnia werden die Afrikaner dann aus dem Bus gestoßen. Run! Run!, rufen die Marokkaner und heben ihre Gewehre, lauft dahin, wo ihr hergekommen seid!

Pat ist gelaufen. Die Frauen wussten, was sie nun erwartet, sie wollten es um jeden Preis vermeiden. Sie warfen ihre künstlichen Haarteile weg, sie wälzten sich im Dreck, sie ließen sich die schäbigsten und stinkendsten Kleider von den Jungen geben und sanken stöhnend zu Boden, als die algerischen Soldaten sie in Empfang nahmen. Als wären sie krank. Denn jene Soldaten sind bekannt dafür, dass sie die schwarzen Frauen vergewaltigen, bevor sie sie nach Marokko zurückschicken.

Pat wurde nicht angerührt. Die Maskerade wirkte. 100 Dollar kostete die Fahrt zurück nach Tanger, nachts in einem geschlossenen Lastwagen. Dort angekommen, geschah bald ein weiteres Debakel. Pat brach sich den Fuß. Es passierte, als sie eines Nachts der Polizei davonlief, als sie von der Dachterrasse aufs Nachbarhaus springen wollte. Im Krankenhaus bekam sie einen Gips und zwei Krücken, aber der Bruch ist nicht richtig verheilt. Bis heute benutzt sie die Krücken. Einerseits, weil das eine perfekte Tarnung ist und sie vor weiteren Abschiebungen schützt. Andererseits, weil ihr Fuß bis heute wehtut.

So verrinnt die Zeit, so vergehen immergleiche Tage. Warten, Geld verdienen, warten. Einmal ruft Bright an. „Halt dich bereit“, sagt er, „du wirst gleich abgeholt.“

Aufgeregt sitzt Pat auf ihrem Bett, den ganzen Abend lang, das gepackte Bündel auf dem Schoß. Doch nichts passiert. Am nächsten Morgen erfährt sie, dass die Küstenwache nicht bestochen werden konnte. Kürzlich sind in Casablanca zwei Bomben explodiert, die marokkanischen Behörden sind wachsamer denn je. In der Straße von Gibraltar kreuzen Schlachtschiffe. Die Operation Odysseus ist angelaufen, mit der sich Europa vor Schmugglern und Terroristen schützen will. Pat packt ihr Bündel wieder unters Bett. Sie spürt jetzt deutlich, dass sie schwanger ist. Oft fühlt sie sich kraftlos und müde, sie friert, obwohl der Juni heiße Tage bringt. Morgens schlägt sie ein rohes Ei in eine Tasse, verrührt es mit Milchpulver und Wasser und trinkt es. Das soll ihr Kraft geben.

***

Die Wochen vergehen. Lange ist nichts von Pat zu hören. Aber eines Tages ruft sie an. Die Leitung rauscht und knackt, man kann sie kaum verstehen. „Ich bin in Spanien!“, ruft sie, „in Malaga, im Abschiebeknast… Cappuccino… 877.“ Der Rest ist vollends unverständlich. Das Gespräch bricht ab. Was ist geschehen?

Zwei Tage später, in Malaga, steht ein Dutzend schwarzer Männer vor der alten Garnison von Capuchinos, heute umfunktioniert zu einem Abschiebegefängnis. Jeden Abend von sechs bis acht kann man die Häftlinge besuchen. „Nummer 877?“ Der Polizist blättert in einer Liste. „Patricia Chas.“ Offenbar hat sie einen falschen Namen angegeben. Der Mann schaut auf. „Sie ist nicht hier. Sie ist im Krankenhaus.“ Er blickt einen Kollegen an, der neben ihm steht. Der nickt. Der Polizist schreibt einen Zettel und reicht ihn herüber. „Hospital Materno Infantil“ steht darauf. Die gynäkologische Klinik.

Es ist ein lang gestreckter Neubau, mit dem Taxi sind es keine zehn Minuten. „Patricia Chas“ liegt im siebten Stock. Die Besuchszeit ist abgelaufen, aber die Schwestern auf der Station scheinen froh, dass jemand die unbekannte Schwarze besuchen will. „Sprechen Sie mit ihr“, sagt eine der Frauen, „sie hatte heute Nacht eine Fehlgeburt. Wir wissen nicht, was los ist. Mit uns redet sie nicht.“

Pat liegt in einem weißen Nachthemd zwischen weißen Laken. Sie ist wach, aber in sich versunken, sie wirkt müde und verbittert. Sie schaut auf. Sie freut sich. Ihre Stimme ist schwach.

„Wenn ich wenigstens das Baby bekommen hätte“, sagt sie später. „Ich wollte es so sehr. Es wäre hier geboren worden, ein spanisches Baby. Charles wollte es noch mehr als ich. Wenn wenigstens das geklappt hätte! Jetzt ist alles umsonst gewesen. Nichts ist mir gelungen in den letzten beiden Jahren.“ Draußen wird es dunkel, aber Pat schaltet das Licht nicht an.

„Ich kann nicht zurück“, sagt sie. „Was soll ich in Nigeria? Wieder in meinem kleinen Laden sitzen? Meine Mutter um Geld bitten? In meinem Alter? Wovon soll ich leben? Ich weiß nicht mal, ob es den Laden noch gibt. Wenn ich abgeschoben werde, dann bleibe ich in Lagos. Ich fahre nicht nach Hause, nicht so, ohne Geld, in diesen alten Kleidern.“

Und dann erzählt sie. Drei Wochen ist es her, als Bright plötzlich anrief. Dieses Mal war es kein falscher Alarm. In einem geschlossenen Lkw brachte man sie und die anderen aus der Stadt, dann sind sie mehrere Stunden lang durch einen Wald gelaufen, zu einem Strand. Aber da war kein Boot. Nicht in dieser, nicht in der nächsten Nacht. Eine Woche warteten sie im Wald, es gab keine Decken und selten etwas zu essen. Dann tauchte das Schlauchboot plötzlich auf, und plötzlich war auch Bright da, vornehm wie immer. Er schärfte ihnen ein: Ihr kommt aus Ghana, hört ihr? Aus Ghana! Sie kletterten ins Boot, 40 Nigerianer und sieben Marokkaner. Fünf waren Schmuggler, mit Tüten voller Haschisch, dazu die beiden jungen Steuermänner. Sie legten ab. Das Meer schien ruhig. Es war drei Uhr nachts.

Pats Vorfreude war verflogen. Jetzt kam die Angst. Sie fror. Sie betete. Gemeinsam mit den anderen sang sie, was immer an Chorälen ihr einfiel. Keiner sprach. Je näher sie Spanien kamen, desto stärker wurde der Seegang. Bald schwappten die ersten Wellen ins Boot. Irgendwann sagten die beiden Steuermänner: Es geht nicht. Wir müssen umkehren. Die Schwarzen protestierten. Einer wählte Brights Nummer. Bright rief, sie sollten weiterfahren! Wenn sie umkehrten, müssten sie die Fahrt noch einmal bezahlen.

Die beiden Steuermänner fügten sich. Sie fuhren weiter. Inzwischen war es heller Tag. In riesigen Schleifen umkurvten sie die Frachter, die sich der Straße von Gibraltar näherten. Immer mehr Wasser schwappte ins Boot. Die Männer schaufelten es mit ihren Kappen hinaus, die Frauen wrangen ihre Pullover. Um ein Uhr mittags, nach zehn Stunden Fahrt, landeten sie schließlich in Spanien.

Die Haschischschmuggler rannten als Erste davon. Die beiden Männer am Steuer zerstachen das Boot und liefen hinterher, gefolgt von den Afrikanern. Noch bis vor wenigen Jahren mussten nur die Marokkaner befürchten, wieder abgeschoben zu werden. Die Schwarzen hingegen warteten in aller Ruhe auf die Polizei. Doch seit Madrid und Lagos ein Abschiebeabkommen geschlossen haben, rennen auch die Nigerianer.

Doch für Pat war die Küste zu steil. Sie war schwanger, sie war müde, ihr Fuß tat weh. Bald kam die Guardia Civil. Erst fing sie oben die meisten Männer, dann begannen die Beamten, die Frauen die Steilküste hinaufzuhieven. Das Rote Kreuz verteilte Getränke. Man fragte Pat, wer sie sei. Sie sagte: Pat Omomo aus Ghana.

Bis hierher war alles nach Plan gelaufen.

Aber dann geschah etwas, womit Pat nicht gerechnet hatte. In den vergangenen Monaten, das wusste sie, hatte Spanien viele Nigerianer vom Strand weg abgeschoben. Aber immer nur die Männer. Die Frauen ließ man einreisen. Doch jetzt, bei dieser Bootsladung, geschah genau das Gegenteil: Die Männer kamen nach wenigen Stunden frei, in der Hand die schriftliche Aufforderung, doch bitte bald wieder auszureisen. Die Frauen hingegen blieben eingesperrt. Man brachte sie ins Abschiebegefängnis nach Malaga.

„Vielleicht weiß die Polizei, dass viele Frauen als Prostituierte arbeiten wollen“, sagt Pat. „Schlimm. Diese Kriminellen versperren die Route für die ehrlichen Leute!“ Fünf der Frauen, die mit Pat zusammen reisten, gehörten Bright.

Nicht lange, da kam ein Mitarbeiter der nigerianischen Botschaft und interviewte Pat. Sie versuchte noch, ihr Englisch zu verstellen, sie sagte, dass sie aus Ghana stamme, lange in der Elfenbeinküste gelebt habe und geflohen sei, als dort der Bürgerkrieg ausbrach. Der Mann von der Botschaft nickte. Pat blieb in Haft.

„Wie dumm von Bright, dass er uns nicht eher Bescheid gesagt hat, dass wir aus Ghana kommen sollen“, sagt Pat. „Wir hätten uns vorbereiten können. Welche Farbe die Taxis haben oder wie die Flagge aussieht.“

***
Im Gefängnis ging es Pat von Anfang schlecht. Sie ekelte sich vor dem Essen, alles tat ihr weh. Die Polizistinnen gaben ihr weiße Pillen, die gleichen, die sie auch gegen Kopfschmerzen verteilten. Pat nahm sie. Noch in derselben Nacht begannen die Blutungen. Man brachte sie ins Hospital. Sie hatte eine Fehlgeburt. „Die Pillen sind schuld“, sagt Pat verbittert. „Ich hätte sie nicht nehmen sollen.“

 
Am nächsten Morgen stehen ein kleiner, runder Arzt und einige Krankenschwestern in ihrem Zimmer. Visite. „Sie ist transportfähig“, sagt der Arzt, „sie kann entlassen werden.“ Er bittet eine der Schwestern, die Polizei zu rufen. Dann gehen alle aus dem Zimmer.

Pat ist bleich geworden. Sie steht auf. Sie weiß, dass ihre letzte Chance beginnt. Sie schlüpft in ihre Latschen. Auf dem Fensterbrett steht eine Plastiktüte mit ihren Kleidern, aber die kann sie nicht anziehen, sie sind voll Blut. Sie hat nur das Nachthemd und die Schlappen. Im Erdgeschoss, von der gläsernen Cafeteria des Krankenhauses aus, kann man einen der Aufzüge sehen, aber es gibt vier. Davor sitzen zwei Krankenschwestern, um Besuchern den Weg zu weisen. Leute kommen und gehen. Eine Frau in einem gelben Kleid schreitet vorbei, ein Behälter aus Plexiglas wird aus dem Aufzug geschoben, ein Motorradpolizist durchquert die Vorhalle. Eine halbe Stunde vergeht. Zwei Frauen klappern über den Marmor, eine trägt einen Zettel in der Hand, beide strahlen. Ärzte kommen vorbei, eine zweite halbe Stunde vergeht.

Eine dritte halbe Stunde vergeht. Dann klingelt das Telefon. Eine Frau murmelt Unverständliches ins Telefon. Dann spricht ein Mann und gibt eine Adresse durch. Es ist gleich um die Ecke, ein Telefonshop. Drinnen sitzt Pat, in ihrem weißen Nachthemd, auf einem kleinen Schemel. Sie strahlt. Sie kann sich kaum noch auf den Beinen halten. Sie lacht. Ihre Stimme ist noch leiser geworden. Sie ist ins unterste Stockwerk des Krankenhauses gefahren, wurde zurückgeschickt, ist wieder ins unterste Stockwerk gefahren und einfach gegangen, durch die Tür, über die Straße, immer geradeaus, bis sie den ersten Schwarzen traf. Der brachte sie hierher, in den Telefonshop.

„Dieses ist der glücklichste Tag meines Leben“, murmelt Pat. Sie sitzt in einem Taxi, man hat ihr eine hellblaue Hose und ein weißes T-Shirt besorgt, sie hat eine Adresse, wo sie übernachten kann. „Ich bin so müde“, flüstert sie, „ich werde schlafen, ich bin so müde, ich bin so glücklich, so müde.“

Einige Tage hat Pat bei Nigerianern in Malaga gewohnt, aber dann drängten die Typen, sie solle endlich Geld verdienen, sie wisse schon, wie. Pat ging. Drei Nächte schlief sie im Park, dann kaufte ihr jemand ein Busticket nach Madrid, dort fand sie eine bessere Bleibe, bei einer Nigerianerin. Seither schlägt sie sich durch mit Haareflechten. Sie hat einen Asylantrag gestellt und eine Duldung für zwei Monate bekommen, nun hofft sie auf dauerhaftere Papiere. Hofft, dass auch ihr Freund Charles bald die Überfahrt schafft, hofft auf einen Job und dass sie bald nach Stuttgart reisen kann. Hofft, dass all ihre Mühen nicht vergeblich waren und ihre Odyssee ein gutes Ende findet. Dieses Jahr. Nächstes Jahr. Spätestens übernächstes. 
DIE ZEIT 30.10.2003 Nr. 45

.
. .
.
.
. . .