Aprilscherz aus meiner Region 2005
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In ihrer Ausgabe vom 31. März 2005 kündete die Surseer Woche die Wiederaufnahme des Personenverkehrs per Eisenbahn an - dies im Stundentakt und mit einer Verlängerung nach Luzern. Ich schrieb daraufhin:
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In anderen Ländern 
Ich gestehe: viel Dampf um den Regio-Shuttle

Mit Interesse und Freude habe ich gelesen, dass das Surental nun wieder mit einem Regio-Shuttle bedient werden soll. Der Regionenschüttler soll nun erneut Sursee mit Triengen verbinden. Das war fast während der ganzen Zeit des letzten Jahrhunderts so und gibt mir auch den Anlass zu einem Bekenntnis zu einem Ereignis vor nunmehr 34 Jahren.

Ich bin gleich neben der Geleisen der Surentalbahn in Geuensee aufgewachsen. Als damals die gute alte Surentalbahn durch Busse abgelöst werden sollte, gründeten wir die ’Surentaler Befreiungsfront’. Wir waren ein paar Halbwüchsige, grad mal so um die 16 Jahre alt und mediatisiert von den Befreiungsfronten, die damals quasi überall auf  der Welt aufblühten: Palästina, Angola, Mozambique und wohl in hundert weiteren Ländern. Ein Konzept hatten wir Kinderkrieger natürlich nicht: wir wollten einfach diesen Bus nicht. Natürlich planten wir Anschläge, so harmlos sie heute erscheinen mögen: Nägel auf die Strasse streuen, zum Beispiel. Aber über ein zögerliches Flugblatt kamen wir Dorfguerilleros nicht hinaus. Trotzdem fuhr der erste Bus am 25. September 1971 unter Polizeischutz – so glaube ich mich zu erinnern. Noch heute schreibt die Surentaler Bahn auf ihrer Homepage: ’Die aufgebrachten Gegner drohen mit Attentaten’. Ein Attentat haben wir damals nicht geschafft und auch nicht den Mut dazu gehabt. Tja, ich gebe zu, das war in unseren jungen Jahren. Und es ist selbstverständlich, dass ich meine damaligen Kumpanen nicht verpfeife – auch jetzt nicht.

Seither hat sich das Surental wohl an die gelben Busse gewöhnt und auch an das komfortable, eigene Auto. Ich gebe zu: wenn ich bei meinen Besuchen in Geuensee den gelben Bus durch die grüne Landschaft ziehen sehe, denke ich an Postauto, Berge und Heimat. Die Buslinie hat sich eingelebt wie die sich zu einer Heiratsdampfbahn reduzierte ST - mit Erfolg übrigens, wie ich den überfüllten Voranmeldungen entnehme. Der gelbe Bus hingegen ist zu Morgenzeiten so überfüllt, dass dies aufmerksamen Polizisten auffallen müsste – es aber scheinbar nicht tut. Manchmal ist er auch so leer, dass der Fahrer vor Einsamkeit gähnt. Trotzdem fährt er pünktlich und gehört inzwischen zum Inventar des Surentals.

Aber es ist interessant zu beobachten, dass jedes Jahr um den 1. April herum Ideen auftauchen, die offenbar ein Bedürfnis der Menschen ausdrücken. So berichtete eine Basler Zeitung von einer Pille, die unsere Halbpromilleexistenz mit einem Schlag polizeitauglich mache. Oder eben: die Surseer Woche zeigte den neuen Regio-Shuttle in einer geradezu genialen Fotomontage. Der weiss-grüne Zug solle fortan im Stundentakt verkehren und sogar neue Haltestellen wie im Surseer Industriegebiet Nord bedienen, verkündete die Surseer Zeitung in ihrem gross aufgemachten Frontbericht. Der erste Zug solle ’Gemeinde Triengen’ heissen und damit ist der Trisa-Town ja auch Ehre gereicht, hat sie im letzten Jahrhundert ja doch erfolgreich verhindert, dass ihre Arbeiter morgens termingerecht im Industriegebiet von Sursee erscheinen konnten und so im Niedriglohngebiet von Triengen verharren mussten. Andererseits finde ich den Namen der kommenden zweiten Komposition ’Stadt Sursee’ ebenfalls gerechtfertigt. Damit demonstriert Sursee endlich, dass es ausserhalb der Stadttore auch noch ein Surental gibt mit Geuensee, Büron undsoweiter. Der Deal ist also perfekt: Wir gehen in Sursee einkaufen und nutzen dazu die Bahn.

Nun aber, wir zeichnen dieser Tage den Beginn April und wir alle wissen, was das bedeutet. Trotzdem ist mit diesem Surseer Woche - Frontseitenartikel wohl die Diskussion eines Regionalzuges wieder eröffnet und es hat mehr als ein Drittel eines Jahrhundert gedauert, bis sie wieder aufgenommen wurde. Dazu schon allein möchte ich als ehemaliger Schmalspurbahn-Terrorist der Surseer Zeitung danken.

In Zeiten, wo im Kongo tausend Kilometer Eisenbahn wieder erneuert werden und das Ergebnis sogar von der UNO als Friedenszug gefeiert wird; in Zeiten, wo Ökologie und Ökonomie koexistieren müssen, finde ich die Idee eines Zuges zwischen Triengen und Sursee durchaus diskussionswert und gar eine Erweiterung nach Luzern ist nicht abwegig. Kurzum: das Ziel muss Linie 10 / S-Bahn Luzern sein.

Aber eben: zu Zeiten des 1. Aprils tauchen Ideen auf, die zuweilen weit in die Zukunft greifen. Aber Gedankenfutter sind sie allemal. Und davon ernähren sich rege Geister. Vielleicht sprechen wir in ein paar Jahren wieder darüber.

Franz Stadelmann

Der gebürtige Geuenseer Franz Stadelmann ist Ethnologe. Er arbeitete viele Jahre in Afrika für die Entwicklungshilfe, dann baute er in Madagaskar ein eigenes Managementunternehmen und ein Reisebüro auf (www.priori.ch). Er arbeitet dieser Monate bei der DEZA in Bern und ist zuständig für die Aktionen im Rahmen von Tsunami-Indonesien. Seine direkte Telefonnummer ist: 076 409 91 98

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In ihrer Ausgabe vom 7. April schieb die Surseer Woche folgendes:
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Aprilscherz mit Folgen

«Regio­Shuttle»  kam nicht – Apéro in Triengen fand trotzdem statt

Die auf der Frontseite der letzten Ausgabe der Surseer Woche angekündigte Taufe des neuen Dieseltriebwagens vom Typ «Regio­Shuttle», der den Personenverkehr auf der Sursee-Triengen-Bahn (ST) wieder aufneh­men sollte, löste zweierlei Reaktionen aus: Für die meisten was es sofort klar, dass es sich um einen Aprilscherz han­deln musste. Andere hingegen nahmen die Story für bare Münze. Wie jene Schü­lerin aus Geuensee etwa, die sich darüber freute, ab dieser Woche mit dem Zug nach Sursee zur Schule fahren zu können, und die ST Betriebsleitung anfragte, ob denn das «Gleis 7»-Abo auf der neuen S-Bahn­Linie 10 auch gültig sei.

Zugegeben: Es war ein Aprilscherz. Das Bild des weiss-grünen Trieb­wagens wurde im letzten Oktober vor dem Depot der Erfurter Bahn in Deutschland aufgenommen und zeigt ein Fahrzeug der Süd-Thüringen-Bahn (STB). Um daraus den Surentaler «Regio­Shuttle» zu kreieren, brauchte es eine kleine Photoshop-Spielerei, um aus «STB» «ST» und aus «Süd-Thüringen­Bahn» «Sursee-Triengen-Bahn» zu ma­chen sowie mit fahl-gelben Punkten auf der Matrix-Fahrzielanzeige im Frontfens­ter das Wort «Triengen» zu simulieren.

Es gab auch Reaktionen auf den Aprilscherz, welche die Vision der Wiederaufnahme des Schienenpersonenverkehrs im Surental als durchaus überdenkenswert einstufen. So freute sich darüber etwa der Büroner FDP-Grossrat Christian Forster in einer E-Mail. Er hat­te dieses Thema (und eine zusätzliche Haltestelle im Surseer Industriegebiet Nord) übrigens im Zusammenhang einer P&R-Anlage auf der Surseer Allmend aufs Tapet gebracht. Und der gebürtige Geuenseer Franz Stadelmann befasst sich in der Rubrik «In anderen Ländern» (siehe Seite 2 dieser Ausgabe) mit der Umstellung des Personenverkehrs im Surental von der Schiene auf die Strasse im Jahr 1971. Er ist ebenfalls der Ansicht, dass Personenzüge zwischen Triengen und Sursee (-Luzern) in einigen Jahren wieder ein Thema sein könnten.

Diejenigen, die dieser Story Glauben schenkten und am Freitagnachmittag auf dem Bahnhof in Triengen aufkreuzten, gingen keines­wegs leer aus. Der Dampfbahnverein Su­rental (DVS) offerierte den rund 20 Per­sonen wie versprochen einen Apéro. Speziellen Schienenverkehr auf der ST Strecke gabs kurz zuvor übrigens trotz­dem: Die «Tigerli»-Dampflok 5 unter­nahm nach ihrem Winterschlaf eine erfolgreich verlaufene Probefahrt. Die Dampfsaison 2005 ist also gesichert...

Daniel Zumbühl

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